Männliche Protagonisten – eine literarische Entscheidung
- Eva Maria von der Stein

- 3. Juni 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Dez. 2025
Viele Autorinnen wählen für ihre Texte überwiegend männliche Hauptfiguren. George Eliot, Iris Murdoch, Simone de Beauvoir in ihrer Prosa, Christa Wolf in Teilen ihres Werks oder Elfriede Jelinek nutzen die männliche Perspektive oft als Träger von Systemkritik. Diese Beobachtung ist weder neu noch erklärungsbedürftig – und sie sagt zunächst nichts über die Perspektive oder Haltung der jeweiligen Autorin aus.

Auch in meinen Texten treten männliche Erzähler und Hauptfiguren häufig auf, worüber ich an dieser Stelle reflektieren möchte. Das ist keine zufällige Wiederholung und kein Ausweichen vor weiblichen Stimmen. Es ist eine literarische Entscheidung, die sich aus der Art der Fragen ergibt, mit denen diese Texte sich beschäftigen.
Distanz als Voraussetzung des Denkens
Männliche Figuren erlauben eine bestimmte Form von Distanz. Nicht im Sinne emotionaler Kälte, sondern im Sinne analytischer Beweglichkeit. Sie werden kulturell leichter als neutrale Träger von Gedanken akzeptiert, weniger schnell biografisch gelesen, weniger unmittelbar psychologisiert. Eine Frau, die scharf, trostlos, beobachtend, politisch oder unversöhnlich schreibt, wird sehr rasch auf das Persönliche zurückgeführt: auf Erfahrung, Verletzung, Motiv. Ein männlicher Erzähler darf denken, zuspitzen, urteilen, scheitern, ohne dass sofort nach seiner inneren Geschichte gefragt wird.
Diese Distanz ist kein Privileg, sondern ein Schutzschild. Sie ermöglicht es, den Text bei seinem Gegenstand zu halten – nicht beim Erleben der Figur.
Funktionale Perspektiven
In meiner Weihnachtsparabel etwa erfüllt der männliche Ich-Erzähler eine klar umrissene Funktion. Er ist Beobachter, nicht Akteur. Zeuge, nicht Opfer. Suchender, nicht Ankläger. Eine weibliche Erzählerin würde den Text unweigerlich in eine andere Richtung verschieben: weg vom Gleichnis, hin zum Erlebnisbericht. Die Figur würde stärker als Person gelesen, weniger als Träger einer Denkbewegung.
Das ist einfach eine nüchterne Beobachtung darüber, wie Texte gelesen werden.
Macht, Schuld und Ausschluss
Die Texte hier kreisen häufig um Institutionen, um Machtstrukturen, um Ausschlussmechanismen, um die Spannung zwischen Wahrheit und Ordnung. Das sind historisch männlich geprägte Räume, einfach weil Männer diese Räume über Jahrhunderte besetzt, organisiert und legitimiert haben.
Männliche Figuren sind in diesen Systemen Normträger – und gerade deshalb austauschbar. An ihnen lässt sich zeigen, dass auch der Normträger ausgeschlossen wird, sobald er nicht mehr passt. Diese Logik trägt die Kritik. Frauen erscheinen in solchen Kontexten kulturell noch immer häufiger als moralische Instanzen, als Opfer, als Störung oder Symbol – seltener als selbstverständliche Teilhaberinnen an Schuld und Verantwortung. Für Texte, die Täter brauchen, ist das kein Vorteil.
Keine Abwertung, sondern Auswahl
Das bedeutet nicht, dass sogenannte „Frauenthemen“ kleiner oder weniger komplex wären. Im Gegenteil: Sie sind oft körperlicher, beziehungsnäher, biografisch dichter, verletzlicher. Aber sie sind auch spezifischer, näher am Erleben, weniger abstrakt. Die hier veröffentlichten Texte zielen jedoch auf Prinzipien, auf Strukturen, auf moralische Selbstrechtfertigung, auf ideologische Entleerung. Sie wollen beobachten, nicht bekennen.
Es geht nicht um Geschlecht, sondern um Wahrheit.
Und dafür wähle ich die Figuren, die mir diesen Zugriff erlauben.
Werkzeuge, keine Bekenntnisse
Dass meine Hauptfiguren häufig Männer sind, ist also kein blinder Fleck, sondern ein Werkzeug. Vielleicht ein temporäres, vielleicht eines, das sich eines Tages erschöpft. Perspektiven wechseln nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Notwendigkeit. Wenn ein Text eine weibliche Figur verlangt – nicht als Schutz, sondern als Zumutung –, wird sie kommen. Solche Figuren lassen sich nicht einbauen. Sie melden sich.
Bis dahin bleibt die fallweise Wahl männlicher Erzähler keine Ausweichbewegung, sondern eine konsequente literarische Entscheidung.



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