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Eine Weihnachtsgeschichte

  • Autorenbild: Eva Maria von der Stein
    Eva Maria von der Stein
  • 15. Dez. 2025
  • 11 Min. Lesezeit

Über die Wahrheit und andere überflüssige Dinge



Während meines Studiums in Sankt Georgen, das noch gar nicht so lange zurückliegt, wurde ich eines Tages Zeuge eines sehr bemerkenswerten Ereignisses, das mich lange Zeit tief beeindruckte und sehr nachdenklich machte. Ich war damals gerade 21 geworden, im 5. Semester der Philosophie und voller Begeisterung für die alten Gelehrten wie Aristoteles und sein Streben nach Wahrheit oder Augustinus, der wie ich voller Selbstzweifel war, und schließlich die Scholastiker wie Albertus Magnus oder meinen Namensvetter Thomas von Aquin. Mit jugendlichem Schwung und Idealismus setzte ich mich mit glühendem Eifer mit den großen Fragen der Zeit und der Welt auseinander, auf der Suche nach so etwas wie einem besonderen Sinn des Lebens, nach dem ich streben und dem ich mein Leben widmen könnte.


Während meiner Kindheit und Jugend hatte ich mich zu Hause, aber auch in der Schule immer wie jemand aus dem letzten Jahrhundert gefühlt oder mich auch dorthin gesehnt. Die Dichter, Denker und Musiker des 19. Jahrhunderts, ja, die ganze Lebensart faszinierten mich, und ich wähnte mich zwischen Biedermeiersofas und in Droschken vor Jugendstilhäusern, in klugen Gesprächen, Studentenverbindungen, über die wichtigen Fragen der Welt philosophierend. Ich lebte in meiner eigenen Welt, und meine Gedanken und die Fragen, die in mir nagten, konnte ich niemandem mitteilen, schlicht, weil sie niemanden interessierten. Meine Familie war mit ihrem Alltag beschäftigt, und die wenigen Freunde, die ich hatte, waren eher im Fußball oder Hockey engagiert, während ich, eher unsportlich, zu Hause über meinen Büchern hockte und mich schon früh mit Literatur wie Dostojewski oder Stefan Zweig, aber auch den Spannungsfeldern der Philosophen wie Platon und Aristoteles auseinandersetzte.


Von derartigen Gedanken beseelt und voller Tatendrang hatte ich mich bei der Hochschule in Sankt Georgen bei Frankfurt eingeschrieben, die sich in kirchlicher Tradition mit theologischen Fragen befasste, aber auch als modern, jesuitisch geprägt und intellektuell offen galt.


Was das realiter bedeutete, wurde ich erst nach einiger Zeit gewahr, als die rosa Brille, die ich zu Beginn aufgehabt hatte, ihren Firnis verlor und das Bild, das ich mir gemacht hatte, rissig zu werden begann. Anfangs überkam mich noch ein diffuses Störgefühl, wenn ich im Flur an dem defekten Getränkeautomaten vorbeikam, über dem ein Bildnis des heiligen Ignatius prangte. Den theologischen Lehrplan, der dort aushängen sollte, konnte ich zunächst nicht finden, weil jemand darüber ein Plakat von einem Diversity-Workshop geklebt hatte.


In der zugehörigen Kapelle wurde dreimal pro Woche ein Morgengebet abgehalten. Ein Kreuz war nicht zu sehen. In einer Ecke lagen Gebetsteppiche gestapelt: zweimal pro Woche fanden dort muslimische Gebetsstunden statt. Beim Verlassen der heiligen Stätte kam ich an einem Aushang vorbei: „Bitte kein offenes Feuer. Kerzen sind nicht gestattet.“

Ein weiteres Mal hatte ich kein Bedürfnis, diese Stätte noch einmal aufzusuchen.


Derart desillusioniert war ich auf einen Kurs aufmerksam geworden, dessen Inhalte ich recht ansprechend fand: „Einführung in die philosophische Gotteslehre“, Untertitel: „Existenz Gottes zwischen Vernunft, Tradition und Moderne“.


Inhaltliche Bausteine sollten sein:


• klassische Gottesbeweise

• moderne Einwände (Kant, Feuerbach, Nietzsche)

• existenzielle Frage nach Wahrheit

• moralische Konsequenzen eines personalen Gottes

• Grenzen des Relativismus


Vor dem unscheinbaren Aushang neben dem Studentensekretariat (da stand natürlich „Studierendensekretariat“, aber diese partizipiale Form fand ich schon immer dämlich), mit einem unscharfen Foto des Dozenten, eines gewissen Prof. Dr. Joshua Nazari, hatte sich eine kleine Menschenmenge versammelt, und ich konnte verschiedene Satzfetzen aufschnappen.


„Ein ungewöhnlicher Typ“, sagte ein älterer Student. „Nicht wie die anderen Dozenten …“ Eine genauere Erklärung konnte ich nicht verstehen.

„Schwierig einzuordnen“, meinte ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, der neben ihm stand.

„Extrem klug, aber …“ – dieser Satz brach ab, weil der Sprecher sich offensichtlich korrigieren wollte, nach Worten rang und schließlich verstummte.

„Der meint, was er sagt – hat man nicht mehr so oft.“ Ich konnte die Stimme nicht zuordnen. Und: „Ich war einmal in einem seiner Seminare – es war irritierend, aber gut.“


Was sollte ich davon halten? Klang auf jeden Fall alles recht spannend. Ich ahnte nicht, was mir bevorstand, als ich mich online anmeldete.


Tags darauf ging es los. Ich betrat den Hörsaal etwas früher und setzte mich zu einer Gruppe von Kommilitonen, die ich schon länger kannte. „Was wisst ihr über ihn?“, wandte ich mich an Paul, der mir am nächsten saß. Dieser musterte mich kurz mit einem raschen Seitenblick. „Er ist schon etwas Besonderes“, begann er dann zögernd und schaute von einem zum anderen. „Einige sagen, er habe in einem Kolloquium eine komplette Argumentationslinie eines Kollegen mit zwei Sätzen widerlegt.“ Lara neben ihm ergänzte: „Es heißt, er zitiere klassische Texte von Thomas von Aquin, Anselm oder Aristoteles so, als kenne er sie in- und auswendig.“ Paul nickte langsam. „Manche behaupten, er könne mit einer einzigen Frage eine Diskussion entlarven. Aber lasst uns sehen.“


Etwas zweifelnd und grinsend schüttelte ich den Kopf über diese mir ein wenig übertrieben erscheinenden Worte und erwartete nun mindestens einen Elefanten mit drei Köpfen, als eine Irritation in dem inzwischen berstend vollen Hörsaal entstand. Professor Joshua Nazari war eingetreten.


Alles Tuscheln verstummte, und es war mit einem Mal mucksmäuschenstill.

Als er den Hörsaal betrat, verstand ich zum ersten Mal, was die anderen gemeint hatten.

Es war nichts Auffälliges an seinem Äußeren, aber ich merkte einen Impuls in meinem Innern, den ich nicht einordnen konnte, eine intensive Aufmerksamkeit, die in mir geweckt wurde, als wäre die Umgebung heller und das Licht klarer geworden. Gleichzeitig machte sich das Gefühl in mir breit, dass der Dozent mich gesehen hatte und dass ich bei ihm etwas Besonderes finden könnte. Aber das konnte natürlich nicht sein, und sogleich schämte ich mich für meinen Impuls und unterdrückte ihn sofort wieder. Augenblicklich war der Professor an seinem Pult angekommen und erhob seine Stimme.


„Wenn wir über Gott sprechen, sprechen wir nicht über ein Gefühl, sondern über die Frage, ob es eine letzte Wahrheit gibt.“

Das Thema war eröffnet, keine Ideologie; die Worte klangen tief und klar.

„Und genau daran entscheidet sich, wie wir über Freiheit, Moral und den Menschen selbst sprechen.“

Alle schauten den Sprecher erwartungsvoll und aufmerksam an.


„Ein Gottesbeweis ist keine religiöse Willenserklärung, sondern eine Frage nach der Struktur der Wirklichkeit.“ Ein einfacher, grundsätzlicher philosophischer Gedanke ohne missionarische Intention, dem ich innerlich nur zustimmen konnte.


„Thomas von Aquin ging nie davon aus, dass Gott eine Hypothese sei. Für ihn war Gott der Grund dafür, dass es überhaupt etwas gibt und nicht nichts.“ Ich war jetzt wirklich beeindruckt.


„Wenn Gott nicht Gefühl, sondern Wirklichkeit ist, dann betrifft das nicht nur das Denken, sondern auch das Handeln.“


Im Folgenden sprach er über Vergebung, moralische Klarheit, gelebte Demut, Verantwortung, menschliche Würde, die Kraft des Gewissens und den Mut, gegen den Zeitgeist zu stehen. Aus dem Hörsaal war zustimmendes Raunen zu vernehmen. Dann kam es:


„Die Wahrheit wird nicht dadurch falsch, dass sie jemandem nicht gefällt. Sie ist keine Frage von Meinung, Konsens oder durch Diskurs verhandelbar.“

Ich merkte, wie sich die Luft im Raum verdichtete.


„Wir leben in einer Zeit, in der Befindlichkeiten an die Stelle der Wahrheit getreten sind.“

Oha, dachte ich und schaute mich verstohlen um. Der Geräuschpegel stieg spürbar.


„Nicht jedes Begehren macht den Menschen frei. Freiheit ist die Fähigkeit zur Selbstbegrenzung und zur Orientierung am Guten. Die Liebe in diesem Sinne ist ein Anspruch, kein Gefühl. Sie bedeutet Treue, Verantwortung, Selbstüberwindung und manchmal auch Verzicht.“


Das saß. Im Zuschauerraum wurde es wieder still, einige lehnten sich vor, jemand zog hörbar die Luft ein, ein anderer schüttelte den Kopf. Ein Heft flatterte nervös zu Boden.


„Der Mensch kann vieles definieren — aber er kann nicht definieren, was wahr ist. Die Wahrheit entzieht sich uns. Das ist ihr Wesen.“

Ich grinste verstohlen in mein Skript und täuschte einen Hustenanfall vor. Wie befreiend, dass es endlich einmal jemand sagte. Sich zu sagen traute.


„Wer die Wahrheit ausspricht, riskiert immer, missverstanden zu werden.“ Langsam beobachtete ich meine Umgebung. Die zunehmende Unruhe im Hörsaal verhieß nichts Gutes. Beleidigte Blicke. Empörtes Schnauben. Einige verließen den Raum.


„Nicht alles lässt sich in einer Vorlesung sagen. Das reicht für heute.“ Mit diesen Worten schloss der Dozent seine Vorlesung und sortierte seine Unterlagen.


Als ich nach draußen in den Flur kam, schlug mir schon der Tumult entgegen. Die Studenten standen in kleineren und größeren Gruppen zusammen und redeten sich mit erhitzten Mienen in Rage. Nachhaltige Jutesäcke konkurrierten mit Aufdrucken wie „There is no Planet B“ / „No Borders No Nations“ oder „Smash Patriarchy“ miteinander. Zwei Kommilitonen standen mit verschränkten Armen da und nickten einander heftig zu, während ein dritter mit theatralischer Betroffenheit erklärte, er habe sich „ernsthaft nicht sicher gefühlt“. Eine Studentin hielt ihr Handy hoch und flüsterte empört: „Das geht gar nicht, das poste ich jetzt“, worauf die anderen zustimmend schnaubten, als sei eine heilige Pflicht erfüllt.


Als sich die Tür öffnete und Professor Joshua Nazari heraustrat, verstummten alle schlagartig. Er schaute fragend in die Runde und wandte sich dann zum Gehen. Am Fenster stand eine junge blonde Frau mit einem roten Schal, die sich offenbar sehr schlecht fühlte, denn sie war leichenblass, schwankte leicht und hielt sich den Kopf. Der Professor ging leicht auf sie zu, sah sie freundlich an und berührte sie an der Schulter, vorsichtig, fast wie selbstverständlich. Unmittelbar darauf entspannte sie sich sichtlich, das Blut kam in ihre Wangen zurück, und sie seufzte erleichtert und lächelte ihn an. Was da geschehen war, weiß ich bis heute nicht. Auch die anderen schauten sich verwundert an. Ich sah dem Dozenten noch lange hinterher und dachte über diese Vorlesung und über diese merkwürdige Episode am Fenster nach.


Am nächsten Morgen lag ich noch im Bett und scrollte durch Instagram. Plötzlich erstarrte ich. Ich sah die Studentin mit dem Handy vom Vortag in ihr 15-Sekunden-Video säuseln:


„Triggerwarnung: Professor reproduziert toxische, patriarchale, eurozentristische Wahrheitsbegriffe. Ich fühle mich nicht sicher. Spread the word.“


Darunter 200 Likes. Kommentare:

• „Unfassbar.“

• „Widerlich.“

• „Warum passiert sowas 2025 noch?“


Ein Shitstorm war gestartet worden. Wegen einer Vorlesung über den Gottesbegriff.

Wer das nicht für möglich gehalten hatte, kam jetzt arg ins Grübeln.


Ein paar Tage später hingen im Flur an den Wänden, beobachtet vom heiligen Ignatius über seinem defekten Getränkeautomaten:


• Ausdrucke von Screenshots

• Anklagezettel

• „Nazari ist Nazi!“

• „Unsere Uni ist kein Ort für Dogmatiker“

• „Gegen autoritäre Wahrheitsdiskurse“

• „Make St. Georgen a Safe Space again“


Am Ende des Ganges hatte jemand einen Tisch mit Flyern aufgebaut. Links und rechts daneben hatte man zwei Studenten mit ernsten Mienen abgestellt. Einer faltete die Hände vor der Brust wie beim Yoga, der andere verteilte Support-Sticker mit der Aufschrift:

„Wahrheit ist verletzend“.


„Nicht euer Ernst?“, gluckste ich nur noch, aber man würdigte mich keines Blickes.


Auf Twitter, Instagram und TikTok mehrten sich kleine Videos mit kurzen Botschaften:

• „Professor leugnet Vielfalt“

• „Machtmissbrauch in der Lehre“

• „Verletzung marginalisierter Gruppen“

• „Studentin mit Panikattacke nach Vorlesung“ – daneben die junge Frau, die den Schwächeanfall vor dem Fenster gehabt hatte.


Ein Hashtag wiederholte sich darunter:

und:


Darunter Kommentare von Leuten, die den Professor noch nie gesehen hatten:

• „Typisch für kirchliche Einrichtungen.“

• „Warum werden solche Leute überhaupt eingestellt?“

• „Bitte sofort Exmatrikulation ermöglichen.“


Dazu Memes:

• „Boomer-Dozent erklärt Wahrheit 😂“

• „Not my professor“


In den Tagen darauf spürte ich, wie sich die Stimmung an der Hochschule immer weiter zuspitzte. Ich begab mich zum Studentensekretariat, um nachzusehen, wann die nächste Vorlesung von Professor Nazari sein sollte. Wie vom Donner gerührt war ich, als ich einen großen Banner quer über der Veranstaltung sah: „Abgesagt“! Ich stand eine Weile fassungslos vor dem Aushang und starrte ihn an, als erwartete ich, dass er sich in Luft auflösen würde. Dann kam eine Gruppe Studenten vorbei. Ich hielt auf sie zu und fragte, was es mit der Vorlesung auf sich hatte und warum sie abgesagt worden war.


Eine kleinere, etwas beleibte Studentin fragte mich: „Hast du denn gar nichts mitbekommen? Es gab doch richtig Druck auf die Hochschulleitung! Eine E-Mail-Flut, offene Briefe, eine Liste mit 300 Unterschriften von Leuten und sogar eine Beschwerde beim Gleichstellungsbüro.“ Sie zuckte die Achseln und ließ mich ratlos zurück.


Schließlich ging ich ins Sekretariat und fragte die Sekretärin, was denn mit Professor Nazari sei. Sie schaute mich streng über den Rand ihrer Brille an.


„Aus Gründen der Sicherheit und zur Wahrung eines respektvollen Diskurses wird die Veranstaltung von Prof. Nazari bis auf weiteres ausgesetzt. Auf Antrag einer ‚Untersuchung diskriminierender Lehrinhalte‘. Es gab zu viele Beschwerden, Petitionen und Unterschriftenlisten, und dann hat der Fachbereich getagt und entschieden. Das wird wohl nichts mehr – meine Erfahrung. Ich gebe Ihnen einen guten Rat: Suchen Sie sich etwas anderes.“


Erschüttert verließ ich das Büro. Ich hatte das Gefühl, in einem absurden Theaterstück gelandet zu sein.


Beim Verlassen des Campus traf ich ihn zufällig. Er stand allein und etwas abseits unter dem Vordach zwischen dem Hauptgebäude und der Bibliothek und bückte sich, um ein verwehtes Blatt Papier aufzuheben. Ich erkannte seine Gestalt sofort – ruhig und aufrecht.


Ich blieb stehen.

Er hob den Kopf und nickte mir zu, nicht überrascht, eher so, als habe er mich erwartet.


„Ich … ich wollte Ihnen nur sagen, dass es mir leidtut, was hier gerade passiert“, brachte ich hervor. Meine Worte klangen etwas dünn und kläglich, aber mir fiel nichts Besseres ein.


Joshua Nazari lächelte leicht. Es war kein bitteres, sondern ein sanftes, stilles Lächeln.


„Sorgen Sie sich nicht um mich“, sagte er. „Die Wahrheit wird bleiben, was sie ist.“


Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Ein Windstoß fegte über den Campus; irgendwo schlug eine Tür zu. Seine Haare bewegten sich kaum.


„Haben Sie denn gar nichts gesagt?“, fragte ich schließlich. „Ich meine … zu den Anschuldigungen?“


Er schüttelte den Kopf.

„Es war niemand da, der zuhörte.“


Er sagte es ohne Vorwurf, ohne Pathos. Einfach wie eine Feststellung.


Es drängte mich, mehr von ihm zu hören. „Können Sie nicht bitte noch einmal eine Vorlesung abhalten? Ich würde gerne mehr von diesen Themen erfahren.“


Er schaute mich prüfend an und machte eine kurze Pause. „Ich halte keine Vorlesung mehr“, sagte er ruhig. „Aber wenn Sie wollen, können wir uns treffen. Ein kleines Kolloquium. Ohne Titel. Ohne Ankündigung. Nächste Woche Mittwoch um 15:00 Uhr?“ Er nickte mir freundlich zu. Mir fiel ein Stein vom Herzen, und ich brachte schnell ein „Ich werde da sein“ heraus.


„Ich freue mich, dass Sie meine Veranstaltung besuchen“, sagte er noch. „Bleiben Sie weiterhin so aufmerksam.“


Dann ging er weiter. Lange blieb ich stehen, tief beeindruckt, und sah ihm nach.


Ich ahnte nicht, was bald darauf geschehen sollte.


Am Mittwoch in der Woche darauf war der Campus kaum wiederzuerkennen. Noch bevor ich das Hauptgebäude erreichte, um zu der Veranstaltung von Joshua Nazari zu gelangen, hörte ich lautes Murmeln, ein rhythmisches Klatschen, Stimmen, die sich gegenseitig übertönten. Vor dem Eingang standen Gruppen von Studenten, manche mit Megafonen, andere mit Plakaten. Auf dem Boden lagen verstreut Flugblätter, hastig verteilt.


Offenbar hatte man Wind von dem Kolloquium bekommen. Etwas braute sich da zusammen.


Ein junger Mann lief an mir vorbei, ohne mich anzusehen, und rief über die Schulter:

„Er kommt! Sie haben gesagt, er kommt gleich!“


Ich blieb wie angewurzelt stehen. Wer „er“ war, war sofort klar.


Als ich um die Ecke bog, blockierte eine Menschenmenge den Zugang zum Hörsaal. Plakate hingen an den Wänden: „Hände weg von unserer Wahrheit“. Trommeln und Megafone erzeugten einen ohrenbetäubenden Lärm. Leute saßen im Korridor zu einem „Sit-in“. Ein „Awareness-Team“ verteilte Ohrstöpsel und Tee. Lautsprecher ertönten: „Wir dulden keine gewaltvolle Sprache mehr!“


Dann erschien Professor Joshua Nazari. Er versuchte ruhig, sich den Weg in den Hörsaal zu bahnen, wurde aber bedrängt und festgehalten. Jemand schrie „Rassist!“. Er wurde hin und her gezerrt, jemand stieß ihn. Er verlor das Gleichgewicht, wurde von der Menge weitergeschoben und verschwand zwischen den Körpern, die ihn umdrängten. Tumult – Geschrei – Chaos brach los und mündete schließlich in hysterisches Gekreische.


In diesem Augenblick erschien der Sicherheitsdienst in Gestalt von zwei uniformierten Männern. Die Menge verstummte, stob auseinander, und ich sah den Professor allein auf dem Boden sitzen. Neben ihm stand die junge blonde Frau mit dem roten Schal und reichte ihm wortlos ein Tuch. Er tupfte sich den Schweiß von der Stirn. Nach Klärung der Situation wurde dann kurzer Prozess gemacht. Wer allerdings glaubte, nun würden etwa die Rädelsführer festgesetzt und zur Verantwortung gezogen, der hatte sich geirrt: Allein der Professor wurde zu seinem Schutz weggeführt.


Und so endete die Aktion, vor allem ohne Konsequenzen für die Anstifter. Langsam leerte sich der Flur. Zurück blieben Flyer, Ohrstöpsel und Tee sowie einzelne Plakate, die zu Boden gesunken waren.


In den folgenden Wochen und auch später hörte ich nie wieder von Professor Nazari.

Die Hochschule aber bestand fort. Mit all ihren Leitbildern, Aushängen, Workshops und ihrem klaren Bekenntnis zu Offenheit.


Ob Jesus hier wohl hätte lehren dürfen?

Wahrscheinlich nicht.

Zu fordernd, zu rechts, zu fundamentalistisch.

Kurz: nicht anschlussfähig.

 
 
 

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