Leseprobe
- Levin Falkenried

- 4. Juni 2025
- 15 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Okt. 2025

Die Schreie verstummten nicht. Sie nisteten sich in seinem Kopf ein wie der Novembernebel in den Straßen Berlins, der sich nicht vertreiben lässt – eine klagende Melodie, die durch die Gänge seiner Erinnerung wehte, als wäre sie seit Jahrhunderten dort zuhause. Elias hatte sie im Traum gehört – oder war es das Echo vergangener Tage, das durch einen geheimen Riss in der Zeit zu ihm gedrungen war? Seit jener Nacht begleiteten sie ihn wie ein flüsterndes Gespenst. In den stillen Stunden, wenn die Sonne durch die hohen Fenster der Bibliothek fiel und der Geruch vergilbter Seiten ihn umgab, glaubte er, sie erneut zu hören – fern, verzerrt, aber unverkennbar. Und manchmal, wenn der Abend die Straßen in violettes Licht tauchte, glaubte er, sie in den Stimmen der Passanten wiederzuerkennen – als gehörten diese Schreie zur Welt, verborgen in ihren Fugen.
Erst viel später, als die Erinnerung sich zu verflüchtigen schien, wurde das Echo leiser. Aber es verschwand nie ganz. Es lauerte zwischen den Zeilen alter Bücher, in einem tief verborgenen Winkel seines Bewusstseins, in dem Licht und Dunkel sich berührten.
Doch manchmal, wenn es still um ihn wurde, öffnete sich in ihm ein Fenster zu einer anderen Zeit – und mit ihm kehrte das Licht seiner Kindheit zurück: Golden, leise, ein Hauch aus einer unschuldigen Welt, die nie ganz aufgehört hatte zu existieren.
Vor seinem inneren Auge flirrten die warmen Strahlen der Abendsonne, die Jerusalem in ein sanftes, unwirkliches Licht tauchten. Die Stadt lag da wie ein Traum – über den Dächern ragte der Felsendom mit seiner goldenen Kuppel empor, in der sich die letzte Glut des Tages spiegelte. Die mächtigen Stadtmauern aus hellen, honiggelben Kalksteinquadern zogen sich wie ein schützender Ring um die Altstadt – still und alt, als Zeitzeugen vieler Jahrhunderte, gezeichnet von zahllosen Belagerungen und Eroberungen, zerstört und immer wieder ausgebessert. Und während das Licht noch die Steine zum Erglühen brachte, stieg jenseits der Mauern bereits der Schatten der Abenddämmerung auf – langsam, beinahe unmerklich, wie eine dunkle Ahnung uralter Mächte, die in der Tiefe der Nacht ruhen und sich mit dem Schwinden des Lichts erheben, um Gestalt anzunehmen.
Elias weilte wieder einmal bei seinen Großeltern, wie so oft während der Sommerferien – und doch war es jedes Mal anders, jeder Aufenthalt hatte seinen eigenen Zauber, denn mit den Jahren war ihm bewusst geworden, was er als Kind noch nicht zu fassen vermochte, wie unaufhaltsam sich das Gewohnte und das Vertraute veränderte, je älter er wurde. Regelmäßig, fast wie ein unausgesprochenes Versprechen, verbrachte er jene Tage bei ihnen, und jedes dieser Wiedersehen schien er stärker in seinem Herzen festhalten zu wollen, weil es bereits vom kommenden Abschied überschattet war.Sie hatten eben das Abendessen beendet, gemeinsam, zu dritt – er, der Großvater, die Großmutter. Es war Freitagabend, der Beginn des Sabbat, und der Tisch war gedeckt wie stets: Mit frisch gestärkten, weißen Leinentüchern, einem silbernen Leuchter in der Mitte, dessen Kerzen im Halbdunkel im Windzug flackerten, während der Duft von gebackenem Hefezopf – jenem weichen, leicht süßlichen Brot – sich mit den Gewürzen langsam gekochter Speisen vermischte und in die Luft stieg wie eine warme vertraute Seele und den ganzen Raum erfüllte.
Die Großmutter hatte, bevor sie das Licht entzündete, wie immer ihre feinen, fast durchscheinenden Hände in kreisenden Bewegungen über die Kerzen geführt – eine Geste, die zugleich zerbrechlich und bestimmt wirkte, so zärtlich und sicher, als zöge sie dabei das Licht in ihr Inneres. Dabei hatte sie den Segen gesprochen, leise, aber mit Nachdruck, jedes einzelne Wort sorgfältig betont, so als müsse es gehört werden von etwas, das jenseits des Sichtbaren lauschte: Baruch ata Adonai Eloheinu melech ha'olam… Und Elias, der den Klang dieser Worte längst kannte, spürte doch, dass sie heute schwerer wirkten, gewichtiger, wie ein Schutzschild gegen ein heraufziehendes Unheil.
Mit dem Kiddusch, dem gesegneten Wein, der in silbernen Bechern gereicht wurde, hatte sie dann, ganz in ihrer Haltung versunken, das Abendessen feierlich eröffnet – und als Elias das Funkeln der silbernen Platten mit dem goldgelben Hummus gewahrte und den Kerzenschein, der sich darin spiegelte, die bunten Salate und das Öl, in dem die Kichererbsen angerichtet lagen, da erschien ihm dieses Mahl wie eine warme innere Zuflucht, in der man geborgen war, wenn draußen die Welt zu laut und bedrohlich war.
Die Fenster waren ein wenig geöffnet gewesen, so dass eine sanfte Brise von der Nacht Jerusalems hereinwehte – kühl und voller exotischer Gerüche –, und draußen war nur das leise, entfernte Murmeln der Stadt zu hören gewesen, ein Geräusch aus unzähligen Stimmen, so ineinander verwoben, dass man ihren Ursprung nicht kannte, nicht ihre Richtung, nicht einmal, ob sie klagten oder sangen.
Die anschließenden Spaziergänge nach dem Abendessen, stets mit dem Großvater allein, waren für Elias immer etwas Besonderes. Diese Abende gehörten ihnen allein, eine familiäre Tradition, die sich still und beständig durch Elias' Ferienaufenthalte bei seinen Großeltern zog. Der Großvater führte sie wie immer durch die verwinkelten Gassen der Altstadt und so gingen sie durch die engen Basare, die sich links und rechts mit langen Treppen wie gewundene Schlangen durch die Altstadt zogen.
Es war eine Welt der bunten Dinge und Düfte: Zwischen Kippas und Rosenkränzen sah man Keramik und Töpferware ebenso wie Lederware, handgefertigte Decken, kostbare Parfüme und Öle sowie alte, in Leder gebundene Bücher, die so zerbrechlich schienen, als drohte jedes Umblättern die Seite augenblicklich zu Staub zerfallen zu lassen. Hier glänzten blanke Münzen, dort waren handgenüpfte Teppiche ausgebreitet, darüber hingen gläserne Öllampen in bauchiger Form und kunstvolle Handarbeiten. Elias staunte immer wieder über die Farben und über das Übermaß: In den Antiquariaten gaben religiöse Ikonen, antike Landkarten und handgeschriebene Manuskripte aus verschiedenen Jahrhunderten Zeugnis von der langen Geschichte der Region. Über allem schwebte der Duft von tausenden in groben, dicht nebeneinander gestapelten Jutesäcken verpackten farbprächtigen Gewürzen und duftendem frischen Fladenbrot.
Der Boden bestand aus Kalksteinplatten, abgeschliffen, ungleich, in Tönen zwischen hellem Beige und verblichenem Rosa. Pilger, Händler, Soldaten – wieviele Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende mochten ihre Füße diese Stufen zurückgelegt haben, und nun war es Elias, der sie betrat, hörbar, denn die Schritte hallten zurück – peitschend und rhythmisch, wie ein Echo zwischen den verwitterten Mauern.
„Heute gehen wir zum Tempelberg“, sagte der Großvater leise mit tiefer ehrfürchtiger Stimme, wie zum Auftakt einer geheimnisvollen heiligen Geschichte, die mit einem Fluch belegt war, der sich erfüllen würde, wenn man es wagen würde, sie zu erzählen.
„Hier haben unsere Vorfahren für unseren Glauben gekämpft und gelitten.“ Fügte er hinzu und etwas in seiner Stimme ließ Elias aufhorchen, denn es kam ihm so vor, als wenn die Worte seines Großvaters heute trauriger klangen als sonst. Sie setzten ihren Weg fort – vorbei an der Klagemauer und dann weiter zu der Grabeskirche, in der die vielen verschiedenen Menschen mit ihren Religionen göttliche Nähe suchen und sich berühren und doch nicht in Einheit zueinander finden können. Mit jeder weiteren Annäherung an den Tempelberg wurden das Läuten der Glocken und die Gesänge in den Synagogen zunehmend vom Muezzin übertönt, der mit metallischer und hypnotischer, weithin erschallender Stimme in leicht mäandernden Tonhöhen zum Gebet aufrief.
Schließlich stoppte der Ruf des Muezzins. Die Geräuschkulisse der Stadt wurde durch die weitere Entfernung zunehmend schwächer, bis sie schließlich ganz verebbte. Zu vernehmen war nur noch von weitem das heisere Schreien der Händler, das monotone Murmeln von Gebetschören sowie das hektische Flattern der Flügel von Fledermäusen, die von den Dächern der alten Gebäude in die Dunkelheit der einbrechenden Nacht aufstiegen. Mit jedem Schritt in Richtung des Tempelbergs schien die Atmosphäre drückender und schwüler zu werden – nicht allein durch die Hitze, sondern durch eine unheilvolle, archaische Ahnung: ein fragiles, fremdes Terrain, durchzogen von Machtansprüchen und alten Bedeutungen, die hier aufeinandertrafen, sich überlagerten, einander widersprachen – und die Luft vor Spannung zum Knistern brachten. Sie bogen um eine Ecke - und da erhob er sich gewaltig vor ihnen: Der Felsendom, mächtig und uneinnehmbar, ein steinerner Wächter seines Glaubens, seit Jahrhunderten aufrecht, keinen Raum für Angriff oder Schwäche duldend. Die Dämmerung tauchte die Kuppel in ein letztes blutrotes Licht. Elias fröstelte. Bilder von Klirren und Stahl, von Reitern und Blut, von Feuer und zertrümmerten Mauern, Eroberung, Fanatismus und Mordlust stiegen in ihm auf.
„Wie kann man die wahre Größe und Bedeutung dieses Ortes wohl in Worte fassen?“, begann der Großvater leise, stockend, mit gebrochener Stimme, als sei er nicht sicher, wie oder ob er es überhaupt sagen sollte. Seine grauen Augen ruhten ernst und andächtig auf dem Felsendom. „An diesem Ort wird jahrtausendealte Menschheitsgeschichte lebendig - Gebete, verzweifelte Tränen, unerfüllte Hoffnung und endloser Kampf. Einst war dies ein heiliger Ort, ja. Und frei, ein Ort, wo die Seele noch atmen konnte. Doch mit der Zeit wurde er mit Blut getränkt, von Gewalt erstickt, verunstaltet durch Machtkämpfe, bis er schließlich nur noch ein Schauplatz religiösen Zwangs und unerbittlicher Herrschaft war.“
Doch bevor Elias tiefer in die Bedeutung der Worte seines Großvaters eintauchen konnte, riss ihn das Gebrüll einer aufgebrachten Menge abrupt aus den Gedanken. Direkt vor ihm, am Eingang des Vorplatzes zum Felsendom, hatte sich eine Gruppe erregter Männer versammelt. Sie gestikulierten wild, schrien hitzig durcheinander, ihre Gesichter verzerrt vor Zorn: Eine Ansammlung tiefgläubiger Muslime, deren Äußeres die Härte ihres Lebens und der Umgebung widerspiegelte. Die meisten von ihnen trugen einfache, bodenlange Gewänder – Galabijas aus grobem Leinen oder Baumwolle –, deren einst helle Farben von der gnadenlosen Sonne Jerusalems zu stumpfen, schmutzigen Tönen verblichen waren. Die rauen, abgetragenen Stoffe zeigten unmissverständlich die harten Spuren eines Lebens in stetigem Kampf gegen Hitze und Armut. Die meisten Männer bedeckten ihre Köpfe mit einfachen Keffiyehs oder Turbanen, deren Stoff lose um ihre Stirn geschlungen war, einst gemustert, nun von Staub und Schweiß fast unkenntlich geworden. Diese Kopfbedeckungen verliehen den ohnehin verhärmten Gesichtern eine noch härtere, beinahe unbarmherzige Kontur. Die tiefen Zornesfalten traten scharf hervor und enthüllten die erbarmungslose Strenge ihres Daseins.
Die Füße steckten überwiegend in abgetragenen Ledersandalen voller Staub, die Riemen spröde, teils eingerissen, die Haut darunter schwielig und gegerbt von Sonne, Wind und Staub. Wenige trugen noch grobe Stoffschuhe oder derbe abgenutzte Stiefel. Ihre Stimmen klangen rau, heiser und kehlig, jedes Wort wie eine Drohung. Und in Elias wurde eine tiefe, instinktive Furcht wach.
Jenseits dieser Männer standen mehrere muslimische Wächter. Ihre finsteren, verhärteten Gesichter ließen keinen Zweifel daran, dass sie diesen Ort als ihr unantastbares Eigentum betrachteten. So weit er denken konnte, hatte Elias stets eine tiefe, instinktive Furcht vor diesen Gestalten empfunden, die jeden Fremden lauernd mit misstrauischen und feindseligen Blicken beäugten, als lauerten sie nur auf ein Zeichen, um blindlings loszuschlagen.
„Juden haben hier nichts verloren!“, drang es wütend und drohend aus dem Stimmengewirr. „Verschwinde von hier!“ Die Augen eines der Wächter glitzerten kalt und mörderisch, als wartete er nur auf die kleinste Provokation, um seinem Hass freien Lauf zu lassen. Elias’ Blick fiel auf den Griff eines Schlagstocks, der sich unter dem langen, dunklen Gewand bedrohlich abzeichnete. Die Übrigen verharrten schweigend und regungslos mit geschulterten Gewehren, dunkel gewandet, eine Mauer der Feindseligkeit.
Die Spannung in der Luft wurde unerträglich, und die übrigen Männer begannen nun lauter zu murren und zu drohen, ihre Stimmen verzerrt von Hass und Bitterkeit. Elias spürte, wie seine Kehle sich zuschnürte, seine Knie begannen zu zittern, und die Angst kroch langsam, aber unaufhaltsam seine Beine hinauf. Instinktiv griff er nach der Hand seines Großvaters, suchte nach Schutz in der bedrohlichen Ungewissheit. Die Luft schien zum Atmen zu dicht, und eine eisige Kälte griff nach seinem Herzen und ließ es wild und panisch gegen seine Rippen hämmern.
Indessen bemerkte er, dass der Zorn der Menge nicht ihnen galt. Aus den Augenwinkel sah er eine kleine Gestalt – allein, verloren, ungeschützt. Ein kleines Mädchen stand direkt am Eingang, ein zartes Bild der Hilflosigkeit inmitten des wütenden Mobs. Hatte sie sich verlaufen? Ihre kleinen Hände umklammerten ein abgegriffenes Stofftier, ein kleines braunes Eichhörnchen mit großen runden schwarzen Glasaugen und einem buschigen Schwanz. Ihr weißes elegantes Kleid hob sich hell von der tristen Umgebung und den einfachen Lumpen der wütenden Menge ab, ihre Augen suchten nach einem Ausweg. Elias konnte das wortlose Entsetzen in ihren großen dunklen Augen sehen, die Angst, die sie zu erdrücken schien, und die plötzlich aufblitzende verzweifelte Erkenntnis, dass es kein Entrinnen gab. Elias wollte zu ihr laufen, doch seine Beine schienen wie festgefroren und er war völlig außerstande, sich zu bewegen. Er sah, wie die Menge lauter wurde, ihre Gesichter verzerrt vor Hass. Einer der Wachen hob langsam und bedächtig einen Stein auf, als würde er in Ruhe Maß nehmen, um sein Ziel auch sicher zu treffen. Die Menge kreischte schrill, johlte und feuerten ihn an.
„Schafft sie weg!“ riefen sie. „Sie soll sehen, wem dieser Ort gehört!“
„Sie ist doch noch ein Kind“, rief ein älterer Mann mit schlohweißem Haar besonnen dazwischen und hob beschwichtigend die Hände, „Wo sind ihre Eltern? Sie hat sich sicher verlaufen!“.
Doch bevor er reagieren konnte, hob ein weiterer Mann einen Stein. „Steinigt sie!“ heulte jemand. Eine Stimme, schrill, ekstatisch. Dann viele: „Steinigt sie! Steinigt sie!“
„Das ist unser Tempel! Sie entweiht unser Heiligtum!“
Nun kam Bewegung in die Masse. Der erste Stein traf das Mädchen mit brutaler Präzision an der Schläfe. Sie quiekt vor Entsetzen und sackte geräuschlos wie eine Marionette, der die Fäden abgeschnitten wurden, zu Boden. Ihr kleines Eichhörnchen fiel aus ihren Händen in den Staub, ein Glasauge traf auf einen spitzen Stein am Boden, platzte unmittelbar ab und sprang klackend auf einen etwas weiter entfernten Stein. Unbeweglich blieb das Einhörnchen im Staub liegen und glotzte Elias mit seinem einzigen verbliebenen Glasauge regungslos an.
Das Mädchen versuchte, sich wieder zu erheben. Aus ihrem Haaransatz trat langsam eine Blutlache hervor, nahm langsam ihren Weg über das Gesicht und wälzte sich träge als fettes dunkles Rinnsal unaufhörlich hinunter zu dem weißen Kleid und färbte es langsam hellrot. Ihr kleines hübsches Puppengesichtchen verzerrte sich, zuerst erstaunt, dann ging der Ausdruck in ein verzweifeltes Weinen und ein entsetztes gellendes Schreien über. Doch das war erst der Anfang. Die Menschenmenge brüllte vor Begeisterung, angeheizt von einem Rausch der Gewalt, den sie zuvor selber entfesselt hatten und der nun völlig außer Kontrolle geriet. Elias war völlig außer sich vor Entsetzen, er zog angstvoll und ungeduldig an der Hand seines Großvaters und wollte zu dem Mädchen, um es zu beschützen. „Sie töten sie!“ kreischte Elias mit sich überschlagender Stimme, aber der Großvater hielt ihn mit eisernem Griff fest. „Du kannst ihr nicht helfen, Du gerätst selbst in ihre Schusslinie!“ raunte er ihm leise warnend aber bestimmt ins Ohr.
Elias' Gedanken überschlugen sich, bis seine Gedanken in einen Strudel gerieten, der ihn ins bodenlose Dunkel zog. „Wir können doch nicht einfach hier stehen und zusehen, wie ein unschuldiges Kind sinnlos abgeschlachtet wird wie ein Tier! Wir müssen … ich muss… ich muss…“ Es brannte ein Feuer in seiner Brust, flackernd und verzehrend. Er versuchte sich loszureißen und fühlte den starken entschlossenen Griff, der seinen Arm schmerzhaft wie ein Schraubstock umschloss und ihn zurückhielt.
„Wenn ich nichts tue… bin ich dann nicht … Komplize, Mittäter, Mitmörder…?“ Der Gedanke bohrte sich in ihn wie ein glühender Nagel – langsam, lähmend, quälend.
Doch sogleich: „Aber was, was kann ich tun? Ein Schritt und die Meute zerreißt mich in der Luft. Und den Großvater mit. Ziehe ich ihn mit in den Tod?“ Elias’ Gedanken rasten, suchten nach einem Ausweg, doch alles endete in derselben bitteren Erkenntnis.
Zorn brodelte in ihm hoch. „Diese Männer – wie stumpf, wie stolz sie marschieren in ihrer Dummheit. Jeder einzelne von ihnen glaubt, eine heilige Ordnung zu verteidigen, ein göttliches Gebot. Aber was ist das für eine Ordnung, die sich durch den Mord an einem Kind behauptet? Sie sind Gefangene! Gefangene! Sie sehen ihre eigenen Ketten nicht! Sie nennen es Pflicht, aber ist es nicht Wahn? Nur Wahn!“
Der Gedanke durchzuckte ihn wie eine Erkenntnis: „Ist das nicht der Anfang vom Ende? Wenn niemand mehr fragt, ob etwas gut ist – sondern nur, ob es erlaubt ist? Wenn alle glauben, sie müssten gehorchen, selbst wenn ihr Herz schreit? Wenn ein System so stark ist, dass es keinen Platz lässt für ein weinendes Kind – was ist es dann noch wert?“
Er blickte auf das Mädchen. Sie versuchte sich zu erheben. Blut verklebte ihre Wangen. Staub klebte an ihren Händen. Ihre Augen suchten noch immer – aber ohne Hoffnung. Elias spürte Tränen aufsteigen und in seinen Augen brennen. „Wie schwach ist eine Gesellschaft, die sich durch ein Kind bedroht fühlt? Und was wird aus denen, die es wagen, anders zu denken, zu fühlen, sich zu widersetzen? Werden sie nicht genauso gesteinigt? Genau so!“
Schneller, härter und gnadenloser flogen die Steine durch die Luft. Jedem Treffer folgte ein furchtbarer klagender, weinerlicher Aufschrei. Die Haare klebten immer wirrer und nass an ihrem Kopf, längst lag sie wieder am Boden. Das weiße Kleid verwandelte sich in eine graubraune Kutte aus Blut und Staub und die Steine erschütterten mit dumpfen Einschlägen den ganzen Körper des Kindes und prallten auf das Kleid und türmten sich rings herum.
„Das ist unser Tempel!“ donnerte es aus der Menge. „Juden haben hier nichts zu suchen!“ Und mit diesen Worten war der Bann entgültig gebrochen, die letzte Zurückhaltung gefallen und die Menge tobte wie im Rausch, im Blutrausch.
Elias wollte aufspringen und sich dem Wahnsinn entgegenwerfen, wollte das Kind in seine Arme nehmen, forttragen, es der Raserei entreißen – doch seine Beine gehorchen ihm nicht. Sein Körper - nicht mehr sein eigener, seine Beine – taub, seine Muskeln – wie gelähmt. Er stand da, reglos, gefesselt, als sei ein Teil von ihm in den Bodens gewachsen, versteinert im Angesicht des Ungeheuerlichen.
„Nein!“ dachte Elias - oder schrie er? Kein Laut kam über seine Lippen. Nur sein Innerstes schrie, ein verzweifelter stummer Aufschrei. Sekunden dehnten sich wie zäher Teer in der Sonne, und mit jedem neuen Aufschlag wurde das Stöhnen des Kindes leiser, zerbrach es weiter, bis es nur noch ein klägliches Wimmern war – und dann: Stille.
Die Steine flogen weiter, unnötig, mechanisch, ohne Ziel. Das Mädchen regte sich nicht mehr. Ihr kleiner Körper – entstellt, entseelt, bedeckt von Staub und Blut. Das weiße Kleid – nicht mehr weiß. Das kleine Eichhörnchen kaum mehr zu erkennen, zerrissen, zerfetzt und völlig von Staub bedeckt.
Und dann, als hätte der letzte Stein auch den letzten Funken Erregung ausgelöscht, wurde es plötzlich still. Die Raserei war verflogen, ihre Wut durch die Brutalität befriedigt. Sie ließen das tote Mädchen im Staub liegen wie einen abgenutzten Gegenstand, den niemand mehr brauchte. Die Menge löste sich auf; banal, als würden sich nicht kennen, hätten sich nie getroffen und nichts miteinander zu tun, ging jeder, ohne Gruß oder Blick, seiner Wege.
Endlich löste sich Elias aus seiner Erstarrung, riss sich mit aller Wucht von dem Großvater los und stürzte blindlings nach vorne, wie im Fieber. Er warf sich auf das reglose Bündel im Staub, kniete nieder, hob sie vorsichtig an, drehte sie um – und sah in das Gesicht.
Ein Kindergesicht, doch kaum mehr als solches zu erkennen. Überströmt von Blut, zerkratzt, zerschlagen, der Mund leicht geöffnet, als sei der letzte Schrei darin erstarrt. Elias’ Brust zog sich zusammen.„Die arme Kleine…“, brachte er heraus, mehr keuchend als sprechend. „Warum? Warum haben sie ihr das angetan? Sie hat doch niemandem etwas getan… sie wollte doch nur… zu ihrer Mutter… “
Tränen quollen aus seinen Augen, heiß und schwer, tropften auf das tote Kind und vermischten sich mit ihrem Blut. Der Großvater stand daneben, still, erschüttert und ernst, legte ihm nur sanft und bestimmt die Hand auf die Schultern. Kein Wort kam ihm über die Lippen. Dann zog ihn bedächtig und sicher hoch und wollte ihn fortführen. „Sie sind Sklaven einer mörderischen Ideologie, die ihnen von ihrer Gesellschaft übergestülpt wird und von der sie sich nicht befreien können.“ sagt der Großvater nur. Elias stand wie im Nebel, unfähig, seine Augen von dem toten Mädchen abzuwenden, das mit seltsam verrenkten Gliedern in ihrem Blut und im Staub lag und ihn mit leeren weit geöffneten toten Augen durchdringend und starr ansah. Und Elias spürte im Weggehen, wie ihm dieser Blick folgte, in ihn eindrang und sich dort tief in ihn einbrannte.
Wie im Traum, in einem schrecklichen Alptraum, hastete Elias weiter. Noch immer fühlte er das blanke Entsetzen wie einen eisernen Ring um seine Brust, das ihm die Luft abdrückte. Die Mauern des Tempelbergs, eben noch steinerne Zeugen des schrecklichen Ereignisses, schienen sich plötzlich um ihn herum zu regen, zu wachsen und sich aufzubäumen wie ein Gebirge. Sie rückten näher, drohend, lautlos zunächst – bis ein dumpfes Grollen unter der Erde einsetzte, kaum hörbar, aber unaufhaltsam. Mit einem leisen Grollen und Donnern begannen sie zu bröckeln und schließlich löste sich ein Brocken - und stürzte in die Tiefe.
Elias Herz raste, sein Atem stockte und plötzlich verschwand alles um ihn herum. Um ihn tauchten plötzlich Schemen auf, schmale hohe rechteckige Formen und ließen seine Gedanken verwirren, bis er erkannte, dass er sich inmitten von Bücherregalen befand. Völlig verwirrt und schweißnass erwachte er und fand sich in der Bibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin wieder, zusammengesunken auf dem Stuhl zwischen den Regalen, wo er mit einem Buch auf seinem Schoß eingeschlafen war. Der harte Aufprall des Buches auf dem Parkettboden hallte wie das Echo des fallenden Steins in seinem Kopf wider.
Er keuchte und atmete tief durch, völlig durcheinander. „Oh Gott, was für ein Traum!“ ächzte er schweißüberströmt und hatte noch deutlich den gemarterten Leib und den durchdringenden starren Blick des toten Mädchens vor sich. Und doch, noch ehe sich seine Gedanken ordnen konnten, war da ein leiser Nachklang in seinem Inneren, kaum mehr als ein Flüstern, das sich nicht fassen ließ – kein Wort, keine Sprache, nur ein Schatten einer Frage: Warum hast du nichts getan?
Aber als er sich umsah, war da nur das schwache Licht der Leselampen und das dumpfe Schweigen der Bücher ringsum.
Vor seinen Füßen lag die Lektüre "Das Sein und das Nichts" (L'Être et le Néant), ein Werk von Jean-Paul Sartre, das er im Rahmen seiner Masterarbeit zum Thema „Freiheit und Verantwortung im Existenzialismus Sartres: Eine kritische Betrachtung der Grenzen individueller Freiheit in einer modernen Gesellschaft“ durcharbeiten musste. Dieses Thema hatte Elias sich selber aussuchen dürfen und es passte gut zu seiner Vorliebe, sich mit Gesellschaft und ihre Werten auseinanderzusetzen – kritisch, mit einer Vorliebe für persönliche Freiheit und einer gesunden Skepsis gegenüber gesellschaftlichen Restriktionen. Sartres Idee der radikalen, ungezügelten Freiheit faszinierte ihn auf einer theoretischen Ebene, auch wenn er instinktiv spürte, dass sie in ihrer radikalen Reinform seinen moralischen Grundsätzen nicht gerecht werden konnte. Sein Anliegen war es daher zu überlegen, inwieweit Freiheit durch Verantwortung und die ungeschriebenen Regeln einer Gesellschaft eingeschränkt werden musste, um mehr zu sein als ein bloßes Ideal.
Plötzlich fiel sein Blick auf ein kleines knitteriges Stück Pergament, das aus den Seiten des Buches herausgefallen war. „Den habe ich wohl übersehen, vielleicht ein Lesezeichen…?“ wunderte er sich und hob den Zettel auf. Der Text lautete:
Einladung in die Neue Synagoge Tritt ein in den Raum, in dem alle Geschichte seit Jahrtausenden kreist um Kultur und Gewalt. Die Wahrheit erkennst du, doch kostet sie dich die Wahl zwischen Frieden und jüngstem Gericht. Darunter in feiner, etwas schräger Handschrift der Vermerk: 12. Oktober um 21 Uhr. Das war heute! Elias fuhr mit dem Finger über die Tinte. War sie frisch? Oder war das nur Einbildung?
„Wie seltsam“, dachte Elias mit einer Mischung aus Verwunderung und Neugier, „ich könnte schwören, dass dieser Zettel vorhin nicht in dem Buch lag, als ich es aus dem Regal holte.“ Auch die Art, wie er formuliert war, irritierte ihn – keine Anrede, kein Absender, nur Worte, die sich an niemand Bestimmten und zugleich an alle zu richten schienen. Und außerdem: War die Synagoge um 21 Uhr überhaupt noch geöffnet?
Er hatte den Zettel schon achtlos in den Mülleimer geworfen und war im Begriff, nach Hause zu gehen – doch etwas hielt ihn zurück. Vielleicht war es bloß Neugier, vielleicht auch das Gefühl, dass diese Einladung nicht zufällig in seinen Händen gelandet war.Schließlich beschloss er, der Einladung zu folgen – und um 21 Uhr in der Neuen Synagoge zu sein.



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