Die Kunst des Schreibens: Über Stil, Form und den Ausdruck des jeweiligen Gedankens
- Eva Maria von der Stein

- 3. Juni 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Dez. 2025
Schreiben ist für mich keine Frage der Wiedererkennbarkeit, sondern der Angemessenheit.
Nicht jeder Gedanke verlangt nach derselben sprachlichen Form, nicht jede Erfahrung nach demselben Tonfall. Sprache ist kein Markenzeichen, das man einmal findet und dann fortan wiederholt, sondern ein Instrument, das sich verändern muss, wenn sich der Gegenstand verändert.

Meine Texte klingen deshalb nicht einheitlich. Sie sind mal dichter, mal nüchterner, mal erzählerisch, mal analytisch, gelegentlich auch bewusst gebrochen oder irritierend. Das ist kein ästhetisches Programm, sondern eine Konsequenz aus dem, was verhandelt wird. Ein existenzieller Konflikt verlangt eine andere Sprache als eine gesellschaftliche Beobachtung; eine innere Erschütterung eine andere als eine gedankliche Klärung.
Ein durchgängig homogener Stil kann Kohärenz erzeugen – er kann aber auch glätten. Dort, wo Widersprüche bestehen, wo Schuld, Verantwortung oder Selbstrechtfertigung nicht eindeutig aufzulösen sind, würde eine zu geschlossene Sprache etwas vortäuschen, was dem Gegenstand nicht gerecht wird. In solchen Fällen erscheint mir stilistische Beweglichkeit ehrlicher als formale Konsequenz.
Literarisches Schreiben verstehe ich deshalb nicht als Ausdruck einer „Stimme“, die sich selbst bestätigt, sondern als fortwährenden Versuch, dem jeweiligen Gegenstand angemessen sprachlich zu begegnen. Sprache darf dabei auch unbequem werden, kantig, tastend oder fragmentarisch – nicht um zu gefallen, sondern um zu präzisieren.
Diese Haltung prägt sowohl meine literarischen Texte als auch meine Essays. Beide folgen keinem einheitlichen Ton, sondern einer inneren Logik: der Logik des Denkens, das sich nicht im Voraus auf eine Form festlegt. Stil ist in diesem Sinne kein Selbstzweck oder ein Erkennungszeichen, sondern das Ergebnis einer Auseinandersetzung.
Vielleicht liegt gerade darin der Kern meines Schreibens: nicht in der Reproduktion eines Schreibstils als Erkennungsmarke, sondern im genauen Hinsehen. Nicht im Trost, nicht in der Lösung – sondern im Versuch, sprachlich auszuhalten, was ambivalent ist und sich nicht einfach ordnen lässt.



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